„a lot of errors on this map“

 

„Es gibt keine abstrakte Kunst. man muss immer mit etwas beginnen. Nachher kann man alle Spuren des Wirklichen entfernen,“ erklärte Pablo Picasso (Bekenntnisse 1935). Dieses Bonmot lässt sich wunderbar nutzen als Zugang zu den Arbeiten von Franziska Klötzler. Auch dort findet sich manche Spur - im nur scheinbar Abstrakten -, die dazu einlädt, ihren Referenzen nachzuspüren.

 

Lollipop-farbene Kaugummiblasen dehnen sich über eine Weltkarte aus. Das Reenactment eines Zeitraffers transformiert diese zu eigenwilligen Farben und Formen. Zäh fließende Farbformationen. Grenzüberschreitende Malerei-Simulation hat scheinbar „alle Spuren des Wirklichen“ verwischt. Wieder, reenacted als träge Knetmasse auf Fussboden – gerahmt als „Häusliche Muster/ Domestic Patterns“ (2016) werden die Abstraktions-Prozesse weitergetrieben. Nun als materialisierte Abdrücke sich allmählich (un-)ähnlich werdende Karten. Ambivalentes Andenken an Ähnliches – vielleicht mal Malerei gewesen oder wieder werdend. Domestizierte Farben, zweckentfremdete Züchtungen oder wild wuchernd?

 

„Die gute Stube“ (2016) hingegen ist ein zu kleines Format für gebrochene Pattern, die wiedererkennbar seriell sind. Die widerwillige Wiederholung einer Peinture automatique perpetuiert die Pattern jedoch gerade nicht zu identischen Zeichen, die einander bis ins Letzte gleichen. Beiläufiges und Abweichendes schleicht sich ein als Störung oder Variation. Pedantische, peinliche Unzulänglichkeiten pervertieren diesen Perfektionismus in einen Flirt mit dem Dilettantischen – und bleiben dennoch delikat Gemaltes. „Schablonen“ (2016) kehren immer wieder, doch verweigern sie sich bloßer Machart oder malerischer Klischees. Duktus, Schrift, Zeichen, Regeln werden aufgerufen und zugleich gebrochen.

 

„Das Werk Lewis Carolls [Franziska Klötzlers, T.S.] enthält alles, um dem zeitgenössischen Leser zu gefallen: [...] herrliche, ungewöhnliche, esoterische Wörter; Interpretationsraster, Kodes und Dekodierungen; Zeichnungen und Photos [und Farbe, T.S.] ... Und über dieses zeitgemäße Vergnügen hinaus noch etwas anderes, ein Wechselspiel von Sinn und Unsinn, ein Chaos-Kosmos.“ (Gilles Deleuze, Logik des Sinns 1993).

 

Diese Subversion malerischer Zeichen und Spuren, behauptet ihre Widerständigkeit für sich. Wo gekratzt, geschabt, geritzt, geknetet oder gesprayt wird, wird der Rahmen des nur konventionell Malerischen immer wieder befragt, gesprengt, erweitert und zugleich auch neu gezogen. Kein Zeichen, keine Bedeutung beansprucht universelle Geltung. Jedes Zeichen ist kontingente Setzung und kann ebenso versetzt werden. „Es ist diese Leere, die ihre Kraft ausmacht. Und es ist kein Zufall, dass der totale Angriff auf die Form von einem Zurückweichen der Inhalte begleitet ist.“ (Jean Baudrillard, Kool Killer, 1978). Dies verbindet Franziska Klötzlers Malerei mit der anarchistischen Radikalität illegaler Grafitti.

 

Doch handelt es sich bei Ihrer Kunst nicht um einen Angriff auf bürgerliches Establishment und deren Besitz-Fetische. Vielmehr scheint diese souveräne Selbstbehauptung von Malerei, als einer Kunst die sich ihre Normen und Konventionen als autonomes Zeichensystem selbst konstruiert und dekonstruiert. Alles ist selbstgenügsam entspannt: „Only one thing to tell“ (2017). Doch ist auch dies nicht der Weisheit letzter Schluss und lässt sich immer weiter treiben: „One is the loneliest number that you‘ll ever do. Two can be as bad as one“ sang die Band Three Dog Night. „Now, I spend my time just Making rhymes of yesterday“ – painting and painting and ...

 

Thorsten Schneider, 2017

 

 

 

 

 



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© Franziska Klötzler